Frittierte Calzone. Warum, Hannover?

An vielen Orten gibt es kulinarische Kuriositäten, die sonst nirgends auf der Welt existieren könnten. Greek Pizza in Boston ist so eine Besonderheit. Und was die Berliner sich bei Currywurst ohne Darm denken, habe ich selbst nach Jahren in dieser Stadt nicht verstanden. Auch meine Heimatstadt Hannover beseitzt so eine Kuriosität. Eine kulinarische Extravaganz, die mit normalem Menschenverstand nicht zu erklären ist: Frittierte Calzone.

Schon als Teenager, als ich Hannover bei unseren samstäglichen Familien-Shoppingausflügen kennengelernt habe, gab es diesen fettigen Kloß aus Teig und Käse bereits an jeder Ecke zu kaufen. Damals war das für mich noch ein Highlight. Meine Geschmacksnerven waren noch nicht so richtig ausgebildet und zu Hause hätte es so eine Schweinerei ohnehin nicht gegeben. Also war das alle paar Wochen für mich ein Muss, in diesem kleinen Loch in der Wand neben Olymp & Hades auf der Bahnhofsstraße eine frittierte Calzone mit Schinken zu kaufen.

Heute – 20 Jahre später – sieht die Innenstadt von Hannover vollkommen anders aus. Die nach Urin stinkende, dunkle Passerelle ist ein Schlauch aus Glas und Licht geworden. Die meisten inhabergeführten Geschäfte sind inzwischen Konzernfilialen gewichen. Und gastronomisch hat man nur noch die Wahl zwischen Vapiano, Block House und Café Extrablatt. Die frittierte Calzone hat sich aber gehalten. An jeder Ecke. Selbst die Dönerläden verkaufen sie inzwischen massenweise.

Aber warum? Sie ist nicht besonders lecker, passt überhaupt nicht mehr in die Bio- und Alles-muss-gesund-sein-Zeit und verursacht ein ziemlich schweres und dreckiges Gefühl in der Magengegend. Wieso hat sie sich trotzdem als so stabiler Grundpfeiler der Hannoveraner Fast-Food-Kultur gehalten, obwohl es sie sonst an keinem anderen Ort zu geben scheint? Das wollte ich herausfinden.

Samstag Nachmittag, 16 Uhr: Schlemmer Kate

Meine Suche nach Antworten beginne ich hier. Diesen Laden gibt es gefühlt schon so lange, wie es Hannover gibt – also seit dem 12. Jahrhundert. Schon zu Passerelle-Zeiten in den Neunzigern, gab es diesen Laden mit dem schmuddelig-gelben Licht und der unmotivierten Imbisseinrichtung. Ich erinnere mich, hier mal die schlechteste frittierte Calzone meines Lebens gegessen zu haben. Da es den Laden trotzdem noch gibt, muss er irgendwas besonderes haben. Also wollte ich diese Erfahrung gleich als erstes hinter mich bringen.

Ich bestelle bei einem jungen Mann eine Gefüllte mit Schinken (Duh!). 3,50 €. Anscheinend gibt es ein Kartell, was den Frittierte-Calzone-Markt kontrolliert, denn der Preis ist überall in der Innenstadt der gleiche.

Der erste Bissen in den lauwarmen Teig legt einen großen Hohlraum frei. Genauer betrachtet wirkt er wie ein Schlund, der nach mehr Füllung verlangt. Irgendwie gruselig.

Geschmacklich gibt es jedoch diesmal keine Katastrophe. Trotzdem ist die erste Assoziation nicht Pizza. Vielmehr erinnert der Teig an Schmalzkuchen. Nur der Puderzucker fehlt. Selbst nach dem vierten lauwarmen Bissen lege ich nur noch weiteren Hohlraum frei. Beim fünften Bissen kommt jedoch die Erinnerung hoch: Es gibt immer diesen einen Bissen aus der Hölle. Als Frittierte-Calzone-Erfahrener weiß man, dass er irgendwann kommen wird – aber nie wann. Ich verbrenne mir an einer kochend heißen Masse aus Käse, Schinken und Tomatensauce den Gaumen. Das Problem haben sie selbst nach 20 Jahren nicht gelöst. Trotzdem: Es war irgendwie lecker. Ich habe sogar aufgegessen, obwohl ich vorher erwartet habe, nur eine Hälfte zu schaffen.

Ich saß vielleicht zehn Minuten im Laden. Von den zehn Kunden am Tresen während dieser Zeit, haben neun eine gefüllte Pizza bestellt. Vielleicht ist es diese wohlig goldene Farbe, die so viele Leute dazu bring, sich so ein Teil mitzunehmen. Zumindest scheint es als Teil der Essen-auf-die-Hand-Kultur in Hannover kaum ersetzbar zu sein.

Pizza & Caffé an der Marktkirche

Ich gehe weiter zu einem kleinen Würfel an der Marktkirche, den es auch schon ewig zu geben scheint. Die Entfernung vom Bahnhof scheint seinen Preis zu haben. Die Calzone kostet hier 50 Cent mehr. Dafür gibt es statt einer leeren Hülle einen massiven Teigkloß. Schon nach drei Bissen pappsatt – dabei bin ich noch nichtmal zum Käse vorgedrungen.


Es dauert noch acht weitere Bisse, bis ich auf eine traurige Käseader in diesem Teigberg stoße. Geschmacklich ist diese aber wirklich kein Highlight. Der Käse ist zäh, der Schinken schmeckt fad und Tomatensauce ist auch zu wenig drin. Das macht wohl alles betrunken viel mehr Sinn, wenn nachts die Leute aus den Kneipen in der Altstadt und dem Brauhaus Ernst-August über den Laden herfallen.

Ich frage den Pizzabäcker, warum es frittierte Calzone nur in Hannover gibt. Schließlich – so behaupte ich – ist eine gebackene Calzone viel üblicher. »Die findest du nur im Restaurant!«, sagt er fast schon entrüstet. Mein Einwand, dass ich ofengebackene Calzone auch im Straßenverkauf kenne, erstaunt ihn. »Das dauert zu lange! Wenn ich die Frisch mache, müssten meine Kunden zehn Minuten warten. Das geht nicht! Dann müsste ich 7 Euro nehmen. Das ist zu teuer.«
Plötzlich wird mir einiges viel klarer. Der offensichtlich fehlende kulinarische Anspruch, deutsche Effizienz und Knauserigkeit finden in der frittierten Calzone ihre fettige Antwort. Der Hannoveraner will sein Essen sofort. Und günstig. Dabei reicht es, wenn die Pizza nicht komplett daneben schmeckt.

Aber warum es diese frittierte Calzone nur in Hannover gibt, will ich trotzdem wissen. Seine Antwort kommt so schnell wie überzeugend: »Das ist eine Erfindung aus Hannover. Das gibt es nur hier. Ich habe einen Kunden aus Hamburg. Der kommt jedes Mal hierher, wenn er in Hannover ist. In Hamburg gibt es das nirgends.«

Eine kulinarische Erfindung aus Hannover?

Auf der weiteren Suche nach den Ursprüngen bin ich auf Vincenzo Pollicino gestoßen. Die Website seines Restaurants Da Vinci auf der Hildesheimer Straße erzählt, dass er in den 70ern als erster die frittierte Calzone in Hannover eingeführt hat – in einem kleinen Pizzastand beim Anzeiger Hochhaus. Pollocino kam in den 50ern ursprünglich aus er aus Neapel nach Hannover.

Das klang nach einer Spur. Und nach kurzer Recherche hatte ich die Antwort: Panzerotti. Eine süditalienische Variante der Calzone, die außerhalb seiner Ursprungsregion hauptsächlich im Nordwesten der USA – und eben in Hannover – gegessen würd. Jedoch ist der Name in Hannover wohl der typisch deutschen Unternehmerangst zum Opfer gefallen, die Kunden wären zu blöd für etwas Neues. Und da Calzone jeder kennt – wohl auch schon in den 70ern – wurde der Name einfach übernommen.

Die Mutter der frittierten Calzone in Hannover: Riccardo

Mit dem Wissen bin ich zurück zum Ursprung: an die Goseriede. Hier steht in der Nähe des ursprünglichen Geschäfts die Pizzeria Riccardo – ein Imbissstand mitten auf dem Platz. Hier – so behaupten viele Hannoveraner – gibt es die beste frittierte Calzone der Stadt.

Auch hier habe ich die Calzone Schinken bestellt. Weniger Luft als bei Schlemmer Kate; weniger Teig als bei dem Pizzawürfel an der Marktkirche – und geschmacklich auch kein Highlight. Dass es die beste seiner Art in Hannover sein soll, kann ich wirklich nicht bestätigen.

Auch hier wollte ich nochmal hören, wieso es frittierte Calzone nur in Hannover gibt. »In Süditalien gibt es die überall!«, antwortet mir mit der Besitzer. Dass ich sie aber in Deutschland nur aus Hannover kenne, scheint ihn nicht zu beeindrucken. Ich erzähle ihm, dass es frittierte Pizza in Berlin nirgends gibt. »Vielleicht sollte ich da eine Filiale eröffnen?«, meinte er. Besser nicht.

6 Kommentare zu „Frittierte Calzone. Warum, Hannover?

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  1. Also zu diesem Artikel muss ich mich mal melden. Panzerotti sind Panzerotti und haben nichts mit Pizza Fritta zu tun. Bitte mal nach Pizza Fritta googlen, dort wird die Geschichte erzählt. Sie kommt ebenfalls wie die Pizza aus Neapel.

    Diese Pizza heißt auch „Pizza des Volks“. Sie wurde in der Nachkriegszeit von den Frauen auf der Straße verkauft, die sich damit etwas dazuverdienten. Eine gebackene Pizza war damals Luxus und kaum erschwinglich für das gemeine Volk. Man brauchte einen Holzofen und teures Brennholz. Die Neapolitaner lösten das Problem auf kreative Weise: indem sie die den Teig einfach frittierten!
    Ursprünglich wurde Pizza fritta ohne Füllung ausgebacken, heute dagegen gibt es sie in den verschiedensten Varianten – wie eine gebackene Pizza.

    Die ursprüngliche Zutaten sind Riccotta, Pancetta, Tomatensauce, Salz und Pfeffer. Eine abgeänderte Variante kann man in Hannover essen. Damals kamen die Pizzabäcker wahrscheinlich nicht so leicht an die original Zutaten in Deutschland heran. Ich habe das Glück, bei meiner Napoletanischen Schwiegermutter öfters mal Pizza Fritta zu essen. Natürlich ist das original aus Neapel geschmacklich nochmal eine ander Liga. Neapel ist kulinarisch eine Reise wert, gerade für Pizza, Pizza Fritta und Gelato. Natürlich auch für viele andere Gerichte.

    Bei Pizza Riccardo gibt es die beste gefüllte Pizza von Hannover die es zu kaufen gibt. Leider (ich denke aus Kostengründen) sind diese nicht mehr geschmacklich wie in den 80er.

    Dadurch das der Teig beim frittieren aufgeht, entsteht immer ein Vaccum und man denkt die gefüllte Pizza ist nur zur hälfte gefüllt.

    Mario von Pizza Riccardo kommt aus Süditalien und weiß dieses auch alles. Er hätte hier eigentlich alles erklären können. Bei den anderen Läden, bin ich mir nicht sicher ob es sich überhaupt um Italiener handelt.

    Viele Grüße Chris

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    1. Ob ein Panzerotto mehr oder weniger eine Pizza Fritta ist, ist streitbar. Da verschwimmen die Grenzen – vor allem in der italo-amerikanischen Küche, die unbestritten einen eigenen Platz in der kulinarischen Welt verdient.
      Dass eine Pizza Fritta – wie es sie überall in Hannover zu kaufen gibt – keine Calzone ist, ist dagegen sicherlich nicht streitbar.
      Und dass Riccardo die beste Pizza Fritta in Hannover verkauft, halte ich für einen Mythos. Wenn sie nicht mehr so gut wie in den Achtzigern ist, war sie vielleicht mal die Beste – aber meine Geschmacksnerven erzählen mir heute etwas anderes. Und ich war nicht nur ein mal dort. Schließlich ist der Impuls danach viel zu groß, wenn man betrunken ist.

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  2. Hey Sascha, ich kenne dich und dein Blog überhaupt nicht, aber bin hier gerade über die Bildersuche von Google gelandet als ich einem Hannoveraner Arbeitskollegen zeigen wollte, was eine frittierte Gefüllte ist. Er kannte den Namen überhaupt nicht.
    Das Thema „frittierte Gefüllte“ ist eine kleine Herzensangelegenheit von mir 🙂 Ich liebe sie, musste aber erkennen, als ich nach Hannover gezogen bin, dass es kaum einer kennt bzw nur 1-2 Anlaufstellen dafür in Hannover kennen. Die habe ich, wie du, probiert. Grauenhaft. Wenn es jemand kennt, wird Riccardo empfohlen. War da. Grauenhaft.
    Auf den Schützenfesten wird sie hier auch relativ häufig angeboten. Kommt drauf an an welchen Stand man geht, sind die relativ gut, aber preismäßig sehr teuer für eine sehr kleine Gefüllte.

    Ich bin in einem Vorort von Hameln aufgewachsen und in Hameln gibt es einen kleinen Italiener namens Andria. Einfach nur göttlich und das zu dem damaligen Preis von 3,30 (ca doppelt so groß wie die aus Hannover).
    War gestern in der Nähe und bin extra hin, um mir 2 auf Vorrat zu kaufen. Eins vorort, 2 für heute und morgen. Leider sind die Preise gestiegen, aber die Portionen sind auch größer geworden.

    Man muss die Art der Pizza schon mögen, sonst ist es wirklich nichts für die Leute, aber wenn man z.b. Käse liebt, liebt man die auch meistens. aber die aus Hameln ist ein himmelweiter Unterschied zu denen aus Hannover bzw anderen Großstädten bzw Schützenfesten.
    Falls du da mal in der Nähe bist, teste die mal bitte und sag mir deine Meinung. Die würde mich tatsächlich sehr interessieren, da du dich mit dem Thema ja auch beschäftigt hast.

    Um ein bisschen auf das Thema deines Blogs zurückzukommen. warum kauft bzw kaufte man die. Das was Chris geschrieben hat, wußte ich nicht, aber genau so habe ich es auch. Es gab (vor der Preiserhöhung) ein günstiges Produkt, welches normale Leute extrem gesättigt hat.

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  3. Hier im Süden Deutschland’s (Allgäu) vermisse ich die Panzerotti sehr!!! Lebe hier nun seit 15 Jahren, bin ursprünglich aus Südniedersachsen und dort kennt man die „Panzerotti“ und liebt sie, vor allem zur Weihnachtsmarktzeit. Hier kann man sie vergebens suchen, wenn man Glück hat, kriegt man eine Calzone, beim Italiener angeboten. Aber Calzone ist halt eine Calzone und eine Panzerotti eine Panzerotti, die man wirklich nicht miteinander vergleichen kann (höchstens vom kaloriengehalt) . Ich liebte diesen Mega, fluffigen heißen Teig, mit Käse und Schinken (oder auch Alternativ mit Pilzen)!

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